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Panel 1

Datendemokratie: Partizipation revised
Sebastian Sierra-Barra (Evangelische Hochschule Berlin)

Demokratien sehen sich seit Jahren mit einer epochalen Transformation ihre Kommunikations- und Informationsinfrastruktur konfrontiert.  Die datentechnologische Verfassung des Sozialen wirft eine Reihe von Fragen auf, die das klassische Thema der Teilhabe betreffen. Zum einen entziehen sich die globalen Reichweiten alltägliche Praktiken den territorialen Organisationsweisen moderner Gesellschaften. Global agierende Plattformunternehmen (Facebook, Amazon, Google, Apple, Microsoft, etc.) bieten zwar Partizipation an, verfolgen aber selbst keine demokratischen Programme.  Zum anderen werden in den nächsten Jahren mit dem Internet der Dinge nicht-menschliche Akteure soziale Entwicklungen vorantreiben. Der Vortrag diskutiert die Notwendigkeit, sich auch in der Sozialen Arbeit auf die Suche nach neuen datendemokratischen Konzepten zu machen. 

Gestaltungspotenziale digitaler Transformationen: Individuelle und organisationale Strategien
Andrea Mayr, Sabine Klinger, und Esther Brossmann-Handler (Universität Graz/Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft):

In einer mediatisierten und digitalisierten Gesellschaft transformiert sich auch die Praxis Sozialer Arbeit unweigerlich. Auf Basis empirischer Ergebnisse aus Gruppendiskussionen und leitfadengestützten Interviews  mit steirischen Fachkräften aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit (z. B. Kinder- und Jugendhilfe, Kinder- und Jugendarbeit, sowie Arbeit mit alten Menschen) wird deutlich, dass sich Fachkräfte in der Sozialen Arbeit in unterschiedlichen Spannungsfeldern bewegen.Sie agieren zwischen Datenschutz und datengestützter Kontrolle, zwischen Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeitszeit sowie zwischen Logiken sozialpädagogischer Fachlichkeit und digitaler Technik. Neben der inhaltlichen Konkretisierung dieser Spannungsfelder werden im Panel-Vortrag individuelle wie auch organisationale Strategien im Umgang damit diskutiert und im Hinblick auf eingelagerte Potenziale durchleuchtet.

#DataLiteracy – Warum #Digitalisierung bezeichnet, wovon #Sozialarbeit schon immer geträumt hat?
Stefan M. Seydel (#dfdu AG – Konstellatorische Kommunikation, Zürich)

Meine Lehrerin Silvia Staub-Bernasconi hat es immer und immer wieder gefordert: Abschied zu nehmen von der Bescheidenheit. Davon handelt mein Beitrag.
Der Ausdruck Digitalisierung macht nur Sinn, wenn wir diesen als Titel für die 4. industrielle Revolution annehmen. Die theorietreibenden Frauen der Sozialen Arbeit mussten schon immer von Komplexität, von Dynamik, von Prozessen ausgehen. Heute macht das jeder Software-Ingenieur so. Und wir lehren jetzt unseren Studierenden Agiles Management, als wäre es grad eben erfunden worden? – Nein.
Mein Beitrag gibt inhaltlichen Einblick in unser aktuelles Buchprojekt: #DataLiteracy – Elemente einer Kulturform der Digitalisierung (Kleve, Piazzi, Seydel) und schöpft aus der 30-jährigen Erfahrung von Interventionen im Kontext Computer vermittelter Kommunikation: rebell.tv, wikidienstag.ch etc.

Panel 2

Integrierte Online- und Offline-Behandlung (Blended Treatment) – das Beste aus beiden Welten?
Lutz Siemer, Saxion University of Applied Sciences

Online- und Offline-Welten sind zunehmend weniger zu trennen und somit treten auch Methoden zu Hilfeleistung zunehmend in „blended“-Versionen auf. „Blended Treatment“ – die Verbindung traditioneller face-to-face Interventionen mit web-basierten Angeboten zu einer integrierten Behandlung – ist hierbei ein vielversprechender Ansatz. Mit ihm ist die Erwartung verbunden, das „Beste aus beiden Welten“ zu erhalten, da die Stärken des einen Ansatzes die Schwächen des anderen Ansatzes ausgleichen könnten. Am Beispiel von „Blended Smoking Cessation Treatment“ – einer integrierten face-to-face und web-basierten Raucherentwöhnungsbehandlung in den Niederlanden – werden Studienergebnisse zum Nutzungserlebnis, zur Adhärenz und zur Effektivität von Blended Treatment präsentiert und deren Übertragbarkeit auf andere Methoden und Felder Sozialer Arbeit zur Diskussion gestellt.

Digitalisierung in der Einzelfallhilfe: Alltagsbewältigung per Messenger-Dienst?
Kurt Fellöcker (FH St. Pölten)

Beratungs-Online Angebote boomen seit einigen Jahren und führen einerseits zur Verunsicherung der an klassischen Angeboten orientierten KollegInnen, andererseits ermöglichen sie Menschen mit hoher Hemmschwelle den Zugang. Inzwischen fragen auch nicht wenige KlientInnen, ob sie per SMS oder anderen Messenger Diensten, per Email oder Videotelefonie therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen könnten. Oft zusätzlich zur laufenden (analogen) Einzelfallhilfe, manchmal als Ersatz, in Zeiten des Corona-Virus aber auch als Stand-Alone Lösung. Manchmal werden Sozialarbeiter_innen aber auch nicht gefragt und plötzlich landen SMS, WhatsApp-Nachrichten, iMessage-Nachrichten etc. von Klient_innen einfach auf den mobilen Geräten. Im Vortrag soll der Frage nach dem Umgang mit diesen neuen digitalen Medien nachgegangen werden, mit Fokus auf Messenger-Dienste. Ziel ist die Annäherung an eine professionellen Position zu dieser Fragestellung.

Chancen und Herausforderungen von Sozialen Medien in der Offenen Jugendarbeit am Beispiel Instagram und WhatsApp
Magdalena Meindlhumer und Andre Trenkwalder-Egger (MCI)

Durch die Lebensweltorientierung als theoretische Grundlage sind die Fachkräfte der Offene Jugendarbeit dazu angehalten, sich an der Lebenswelt der Jugendlichen, welche von Sozialen Medien geprägt ist, zu orientieren. Deshalb behandelt diese Forschung den Einsatz von Instagram und WhatsApp mit dieser Frage im Hintergrund: Welche Chancen und Herausforderungen bieten Soziale Medien in der Offenen Jugendarbeit? Durch eine theoretische Auseinandersetzung in Kombination mit der Durchführung von Expert_inneninterviews wurden auf beiden Seiten Themen aufgegriffen, die für die Praxis relevant sind und die zeigen, welche Potentiale in der Verwendung von Sozialen Medien liegen und welche Risiken beachtet werden müssen. Erhöhung von Partizipation, Reichweite und die Entstehung von neuen Projekten unter bestimmten Rahmenbedingungen können dabei als grobe Ergebnisse genannt werden.

Panel 3

Auf dem Weg zu virtuellen Role Models und Online-Streetworkern?
Hemma Mayrhofer und Florian Neuburg (IRKS – Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie)

Jugendarbeiter*innen stehen in einer mediatisierten Gesellschaft vor der Notwendigkeit, ihre eigenen Arbeitsformen, Methoden und fachlichen Haltungen den veränderten Lebenswelten und Interaktionsräumen der Jugendlichen anzupassen. Im Vortrag werden aufbauend auf Ergebnis-sen des 2019 abgeschlossenen Forschungsprojekts E-YOUTH.works empirisch beobachtbare Transformationen der Handlungsräume und Interventionsformen von Jugendarbeiter*innen aufgezeigt. Nach einem Systematisierungsvorschlag für die verschiedenen Arbeitsweisen zu, mit und in digitalen bzw. Sozialen Medien wird der Schwerpunkt auf Ansätze gelegt, die über Soziale Medien vermittelt (d.h. in virtuellen oder hybriden Räumen) stattfinden. Im Input sollen Chancen, Risiken und fachliche Entwicklungsbedarfe skizziert und diskutiert werden, die mit digitalen Medien als Begegnungs- und Interventionsräumen Offener Jugendarbeit einhergehen.

Digitale sexuelle Bildung in der stationären Erziehungshilfe als Antwort auf sexuelle Risiken einer vulnerablen Gruppe
Dominik Mantey (IUBH Internationale Hochschule)

Der Vortrag zeigt die Notwendigkeit auf, sexuelle Bildung in der Heimerziehung digital zu erweitern. Ausgangspunkt ist die Perspektive der Jugendlichen, welche sich in ihrer Pubertät mit Entwicklungsherausforderungen konfrontiert sehen und in ihren Wohngruppen nur begrenzt Unterstützung finden (Mantey 2017). Dies ist als problematisch zu betrachten, zumal internationale Forschungsergebnisse zeigen, dass Jugendliche im Heim besonderen Risiken in Bezug auf ihre sexuelle Gesundheit ausgesetzt sind (Hyde et al. 2016). In diesem Kontext ist es plausibel, das Internet als Ressource der sexuellen Bildung heranzuziehen, zumal die deutsche Studie der BZgA aufzeigt, dass Jugendliche das Medium Internet als Quelle der Sexualaufklärung favorisieren (Bode und Heßling 2015). Gleichzeitig lassen sich aus medienpädagogischer Sicht Risiken nachzeichnen (Klein 2015). Von dieser Analyse ausgehend werden in diesem Vortrag Entwicklungsbedarfe in der stationären Erziehungshilfe aufgezeigt.

Liebesbeziehungen und Sexualität im digitalen Zeitalter. Steirische Jugendliche und junge Erwachsene im Spannungsfeld von Chancen und Risiken im digitalen Raum.
Elena Stuhlpfarrer (Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft; Arbeitsbereich Sozialpädagogik)

Die Aufnahme erster romantischer Beziehungen und sexueller Kontakte stellt eine bedeutsame Entwicklungsaufgabe für Jugendliche und junge Erwachsene dar (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2013). Inzwischen kann der digitale Raum als fester Bestandteil der Lebenswelt Jugendlicher und junger Erwachsener gesehen werden, der unter anderem zur Bewältigung der Entwicklungsaufgaben genutzt wird (vgl. Lenhart/Smith/Anderson 2015). Der Fokus meines Dissertationsprojektes liegt auf den Fragen, wie Jugendliche und junge Erwachsene den digitalen Raum nutzen, um Liebesbeziehungen aufzunehmen und zu pflegen, welche Chancen und Risiken mit einer solchen Nutzung einhergehen und wie die Soziale Arbeit auch im digitalen Raum Jugendliche und junge Erwachsene hinsichtlich der Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe unterstützen kann. Der Schwerpunkt des geplanten Vortrags liegt auf dem theoretischen Hintergrund und dem Forschungsdesign des Projektes, wobei zudem bereits erste Ergebnisse vorgestellt werden sollen.

Panel 4

Wie sich Soziale Arbeit und Technik vertragen
Andreas Krisch und Sebastian Klocker (Datenschutzagentur)

Digitale Werkzeuge haben in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit bereits Einzug gehalten. Künftig sollen technische Systeme möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in einer alternden Gesellschaft ermöglichen und viele andere Aspekte sozialer Arbeit verändern.
Soziale Arbeit basiert auf höchsten ethischen Ansprüchen. Die Würde des Menschen, die Förderung seines Wohlbefindens, seine Integration in die Gesellschaft und die Schaffung guter und gerechter Lebensumstände stehen im Fokus.
Wie sozial sind aber die Angebote der Digitalisierung? Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden? Fördern digitale Systeme ein gutes Leben oder zieht mit den digitalen Helfern auch die Totalüberwachung ein? Passen die Interessen der Technologieanbieter mit den ethischen Werten der Sozialen Arbeit unter einen Hut?
Dieser Beitrag beleuchtet die Spannungsfelder zwischen Sozialer Arbeit und Digitalisierung und stellt zentrale Anforderungen an eine sozialverträgliche Technikgestaltung zur Diskussion.

Algorithmen. Inklusive Helper oder exklusive Killer?
Siegfried Molan-Grinner

Die „Buggles“ postulierte in ihrem Hit „Video Killed The Radio Star“ die Hypothese, dass das Radio durch das Medium Video ersetzt werden würde, was in dieser Form nicht passierte. Möglicherweise ist der momentane Hype bezüglich der Digitalisierung und der Maxime, dass alles, was digitalisiert werden kann, digitalisiert werden wird, ebenso übertrieben?Tatsache ist, dass die Digitalisierung in den Feldern der Sozialen Arbeit beobachtbare Folgen nach sich zieht, positive (inkludierende), aber auch negative (exkludierende, killende) Effekte.
Insbesondere die Vorgehensweise, riesige Datenmengen mithilfe von Rechenvorschriften (also Algorithmen) nicht nur in den Griff zu bekommen, sondern aktiv auszunutzen, wird bei diesem Panel im Fokus stehen. Ein breit diskutierter Praxisfall in Österreich ist der sogenannte AMS-Algorithmus. Im Zuge dieses Inputs werden Begriffe geklärt, Zusammenhänge dargestellt und Gefahren und Risiken durch den Einsatz von Algorithmen in der Sozialen Arbeit erörtert.

Kleiner Kompass für den großen Dschungel. Wie kann sich die Soziale Arbeit in den digitalen Landschaften orientieren?
Alois Pölzl und Bettina Wächter, B7 Arbeit und Leben

Die neue Kulturtechnik Digitalisierung hat die Welt in der die Soziale Arbeit handelt verändert: Die Menschen denen wir begegnen leben in noch fremderen Welten, die Kommunikation und die Austauschprozesse haben sich beschleunigt und globalisiert, die Daten die der Sozialen Arbeit zur Verfügung stehen sind vielfältig nutzbar – zum Teil außerhalb der Kontrolle der handelnden Personen. 
Der Vortrag beleuchtet die Vielfältigkeit der Veränderungen und bietet ein Übersichtsmodell an, um die unterschiedlichen Techniken und Anwendungen von Digitalisierung – die wir „Landschaften“ nennen – für die Profession der Sozialen Arbeit fassbar, analysierbar und bearbeitbar zu machen. Wir geben Hinweise auf die unterschiedlichen Chancen und Gefahren der jeweiligen „Landschaft“ und versuchen eine Einordnung, an welchen Stellen Adaptierungen reichen werden und wo tiefgreifende Disruptionen der Sozialen Arbeit denkbar sind.

Panel 5

Digitalität studieren – Ideen und Erfahrungen aus dem Bachelorstudium Soziale Arbeit
Matthias Scheibe (Hochschule Coburg)

An der Hochschule Coburg wird diesen Sommer erstmalig das Vertiefungsmodul „Digitalität und Soziale Arbeit“ angeboten. Die teilnehmenden Studierenden reflektieren zunächst ihre webbasierten Aktivitäten. Anschließend eignen sie sich angeleitet theoretisches Wissen zu Online-Beratung, digitaler Lebensweltanalyse und virtuellen Bildungsangeboten an, erproben aktiv Interaktionsstrategien und diskutieren das Spannungsverhältnis von Hilfe und Kontrolle.
Nach der skizzenhaften Darstellung des basalen Entscheidungspfades, der zu diesem Lehrangebot führte, und einer überblicksartigen Beschreibung des inhaltlichen Ablaufes, werden in dem Vortrag vor allem die systematisierten Erfahrungen aus dem ersten Probelauf des Vertiefungsmoduls vorgestellt. Hierbei sollen inhaltliche Aspekte genauso benannt werden wie didaktische. Abschließend werden Ideen präsentiert und begründet, wo zukünftig nachjustieren, enger führen oder erweitern sinnvoll erscheint.

Der Brückenkurs „Apale“. Auch mit Online Lehre auf Stärken eingehen
Meike Günther (Katholische Hochschule Berlin)

ApaLe bietet Fachkräften mit einem nicht in Deutschland erworbenen Abschluss in sozialen Berufen die Möglichkeit, sich die zur Erlangung der staatlichen Anerkennung erforderlichen Kompetenzen in einem kompakten sechsmonatigen Anpassungslehrgang anzueignen. Der Lehrgang findet berufsbegleitend statt und besteht aus vier Säulen: 

  • der Präsenzlehre, 
  • Online-Modulen zur zeitlich flexiblen Vertiefung von Lerninhalten, 
  • einer Supervision der beruflichen Praxis sowie 
  • einer Begleitung durch Mentor*innen, Kinderbetreuung bei Bedarf und Beratung bei der Praktikumssuche etc.  

Die Herausforderung des Kurses besteht darin, auch in den Blended Learning Situationen eine didaktische Lernatmosphäre zu schaffen, die auf die Stärken und auf Ermutigung der Teilnehmenden zielt.
In der Session sollen ein kurzer Film, in dem der Kurs vorgestellt und die Teilnehmenden zu Wort kommen, gezeigt werden und analoge und digitale Strategien vorgestellt werden

Panel 6

Wir müssen nur wollen.
Roland Maurer-Aldrian (Jugendstreetwork Graz)

Wir haben es uns so schön bequem eingerichtet in unserer Jugend(sozial)arbeitswelt mit unserer Outdoorpädagogik und unserem Abgrenzen können. Aber dann wollen die Jugendlichen lieber mit uns chatten als reden und virtuelle Erreichbarkeit rund um die Uhr.  
Dann kommt Corona und alle machen auf einmal digitale Jugend(sozial)arbeit. Das erinnert an den Start der sozialräumlichen Jugendarbeit: Damals konnten sich die Jugendlichen in den Parks kaum vor unseren Angeboten retten,  heute verfolgen wir die Jugendlichen digital. Oft ohne Konzept und ohne ehrlichem Interesse.   
Was es jetzt braucht ist aber ehrliches Interesse an der Lebenswelt der Jugendlichen. Und wir brauchen einander: Die Jugendlichen als Expert*innen, aber auch uns Fachkräfte: denn nur in Kooperation können wir Neues groß genug denken und umsetzen.
Ich breche deshalb eine Lanze für den Mut, die Zusammenarbeit, die Lebensweltorientierung und zeige wie innovative Jugend(sozial)arbeit vielleicht gelingen kann.

Game Over? – Digitale Spiele als Chance und Herausforderung für die Soziale Arbeit
Markus Meschik (Universität Graz)

Durch ihren hohen Stellenwert bei einer meist jüngeren Zielgruppe stellen digitale Spiele Arbeitsfelder Sozialer Arbeit vor neue Herausforderungen und sorgen auch für Bedenken bei vielen Erziehungsberechtigten: Fragen nach dem Suchtpotential digitaler Spiele sowie kritischen Aspekten wie neuartigen Finanzierungsmodellen wollen auch in der sozialarbeiterischen Praxis bedacht und adäquat behandelt werden.
Da digitale Spiele in der Ausbildung von Fachkräften eine untergeordnete Rolle spielen, sind Fachkräfte oft gezwungen, im Umgang mit diesen intuitiv zu handeln. Wie diesem Thema in der beraterischen Praxis begegnet werden kann wird anhand von empirischen Erfahrungen der Fachstelle „Enter“, einer Beratungsstelle zum Umgang mit digitalen Medien in Familien in Graz, erläutert und diskutiert. Dabei wird erarbeitet, dass Soziale Arbeit ihrem Paradigma der Lebensweltorientierung nur dann gerecht werden kann, wenn sie sich dem Thema der digitalen Medien weiter öffnet.

„DIGITAL STREETS – Online Streetwork, Social Media Interventions und Digitale Jugendarbeit am Beispiel des Projekts „Jamal al-Khatib – Mein Weg!“
Džemal Šibljaković (TURN – Verein für Gewalt & Extremismusprävention) 

Jugendliche, die sich online innerhalb von Echoräumen und Blasen bewegen, laufen in besonderem Ausmaß Gefahr, hermetisch geschlossene Weltbilder zu entwickeln und Radikalisierungsprozesse zu durchlaufen. Analog zum Streetwork offline im öffentlichen Raum, ist die Methode des Online Streetwork dazu in der Lage, mit schwer erreichbaren Zielgruppen eine Ebene der Kommunikation aufzubauen. 
Das Projekt „Jamal al-Khatib“ hat das Ziel, Online-Propaganda und Rekrutierung mittels Produktion und Online-Distribution von alternativem Content, wie Webvideos, Fotos, Stories, etc. auf den Social Media Plattformen entgegenzuwirken. 
Im Rahmen von Online-Kampagnen und Digitaler Jugendarbeit tritt ein multiprofessionelles Team auf Social-Media-Plattformen mittels Content-based Online Streetwork mit der Zielgruppe in Interaktion, um alternative Narrative zu vermitteln. Dabei werden soziarbeiterische, religionspädagogische, islamwissenschaftliche und Peer-to-Peer Intervetionen miteinander kombiniert.

Panel Sessions Tag 2

Panel 7

Soziale Arbeit in der Perspektive von trans- und posthumanistischen Diskursen
Alexander Brunner (FH Campus Wien) 

Digitalisierung und Mediatisierung werden aktuell in der Sozialen Arbeit verstärkt diskutiert und beforscht. Soziale Arbeit ist als Humanwissenschaft in Theorie und Praxis vielfach dem Humanismus verpflichtet, wie es sowohl die Global Definition of Social Work oder auch das Verständnis als Menschenrechtsprofession nahe legen. Dieses humanistische Selbstverständnis ist im Rahmen der second maschine age und den damit verbundenen gesellschaftlichen Transformationsprozesse neu zu befragen. Inhalt des Vortrags ist eine Befragung der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund der Strömungen des Transhumanismus und Posthumanismus, die in unterschiedlicher Weise den europäischen Humanismus und sein Menschenbild fundamental in Frage stellen (vgl. Loh 2018).  
Dabei geht es weder um Technikfeindlichkeit oder übertriebenen Optimismus aufgrund der technischen Entwicklungen, sondern um eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung in Bezug auf Theorie und Praxis Sozialer Arbeit.

Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf die Menschenrechte
Carina Zehetmaier (Women in AI) 

Für den Bereich der Menschenrechte bringt Künstliche Intelligenz eine Vielzahl an Chancen und Risiken. Vor allem im Bereich der nachhaltigen Entwicklungsziele der VN sieht man viele Möglichkeiten für „AI for Good“. Dabei müssen aber auch menschenrechtlichen Problemstellungen durch den Einsatz und die Weiterentwicklung von KI beleuchtet und mögliche Lösungen aufgezeigt werden.
KI ist bereits weitgehend in unseren Alltag integriert und im Einsatz betreffend Entscheidungen, die unsere Grundrechte erheblich beschneiden können: vom Gesundheitssektor, über Bildung, Personalwesen und Kreditvergabe, bis hin zur präventiven Strafverfolgung und Strafsatzbemessung. Jüngste Beispiele haben gezeigt, dass Entscheidungen die auf mathematischen Modellen und Algorithmen beruhen bestehende Vorurteile unserer Gesellschaft nicht nur reproduzieren, sondern auch verstärken können. Neben Diskriminierung birgt KI besondere Gefahren für das Recht auf Privatsphäre, Meinungsfreiheit, und Datenschutz.

Anforderungen an die Demokratieförderung in Zeiten sozialer Netzwerke – Erkenntnisse aus einer qualitativen Studie zur Wahrnehmung rechtsextremer Online-Inhalte.
André Dörfer (Hochschule Coburg) 

Vorgestellt werden die Ergebnisse einer qualitativen Masterarbeit. Ziel der Forschung war es, den Umgang mit rechtsextremen Social Media-Inhalten zu untersuchen.
Im Rahmen leitfadengestützter Interviews mit Jugendlichen wurden weit verbreitete rechtsextreme Inhalte der sozialen Netzwerke Instagram und YouTube vorgelegt und thematisiert, unter anderem ein Video des selbsternannten „Volkslehrers“ N. Nerling.
Bei den Ergebnissen der qualitativen Inhaltsanalyse sticht insbesondere die Rolle von Emotionen und Empathie bei der Bewertung rechtsextremer Inhalte heraus, wobei diese eine Einordnung rechtsextremer Inhalte sowohl erleichtern als auch erschweren kann. Außerdem zeigt sich, wie Rhetorik aus rechtsextremen Online-Videos unreflektiert in den eigenen Sprachgebrauch übernommen wird. Nicht zuletzt wird dargestellt, wie sich in Abhängigkeit von Vorbildung und Medienkompetenz die Rezeption rechtsextremer Inhalte unterscheiden kann.

Panel 8

Digitale Ressourcen-/Risikoanalyse und Diagnose in der Bewährungshilfe
Alexander Grohs (Verein Neustart) 

Die soziale Diagnostik in digitalisierter Form stellt eine wichtiges Instrument in der deliktorientierten Straffälligenhilfe dar, mit dem Ziel der Rückfallsvermeidung durch Nutzung der protektiven und Bearbeitung der kriminogenen Faktoren der Klientinnen und Klienten.
Die Grundlage für die diese Arbeitsweise liegt in den Risk-Needs-Responsivity (RNR) und Good-Lives Modellen, welche im Dokumentationsprogramm des Vereines NEUSTART anhand des Ressourcen-Risiko-Inventar (RRI), der Mehrebenendiagnose mit kriminogenen und protektiven Faktoren und dem darauf basierenden Arbeitskonzept umgesetzt werden.
Im Vortrag soll einerseits auf die zugrunde liegenden Gedankenmodell als auch andererseits auf die praktische digitale Umsetzung eingegangen werden.

Mein Leben digital – Biografie-Arbeit mal anders
Sarah Wiesinger und Alexander Rind (FH St. Pölten) 

Die Anzahl der an demenzerkrankten Personen wird durch den demografischen Wandel steigen. Um eine personen-zentrierte Betreuung beziehungsweise Therapie durchführen zu können ist es wichtig die Biografie des Menschen zu kennen. In der Ergotherapie hat die Biografie eines Menschen einen besonderen Stellenwert. 
Da eine umfangreiche Biografie-Arbeit und das dazugehörige Einbinden der Informationen in den Alltag oftmals sehr zeitaufwendig ist, könnte eine App eine Unterstützung sowohl für die Therapeut*innen aber auch für die Betroffenen sein. 
In meiner Masterarbeit untersuche ich, welche Funktionen eine App haben muss um von Ergotherapeut*innen bei der Arbeit mit Personen mit Demenz eine sinnvolle Unterstützung zu sein und welche Vor- und Nachteile die Biografie-Arbeit in digitaler Form hat. Die Ergebnisse meiner Arbeit möchte ich beim Symposium vorstellen.

beratung-digital
Gerhard Hintenberger, e-beratungsjournal (Fachzeitschrift für Onlineberatung und computervermittelte Kommunikation) 

Psychosoziale Beratungsformate nutzen zunehmend digitale Räume und stellen für eine Vielzahl an Themen und Zielgruppen unterschiedliche Kommunikationskanäle zur Verfügung. Neben Angeboten schriftbasierter Onlineberatung (Mail-, Chat,- Messengerberatung) kommen Videochatsysteme, appbasierte Selbsthilfeprogramme, aber auch Games und Podcasts zum Einsatz. Virtual- Reality-Anwendungen hingegen stehen aufgrund des höheren Kosten- und Technikaufwands erst am Anfang.
Wurden noch vor einigen Jahren die einzelnen Anwendungsbereiche getrennt und für sich alleine betrachtet, so ist in letzter Zeit ein Trend zu Blended-Konzepten als Versuch, digitalisierte Anwendungen mit einem Face-to-Face-Setting zu kombinieren, zu beobachten.
Der Vortrag bietet einen Überblick zu den unterschiedlichen Anwendungsfeldern digitaler Beratung und beleuchtet ihre Ausdifferenzierung in unterschiedliche Kommunikationskanäle und – modi.

Panel 9

Soziale virtuelle Projektarbeit neu denken und damit einen sozialen Wandel einleiten
Susanne Studeny und Elke Gschwandtner (SaiNetz – Soziale Arbeit im Netz) 

Herabsetzen der Vulnerabilität durch die Inklusion der Zielgruppe bereits in der Projekt-Planungsphase. Virtuelle soziale Projektarbeit kann nicht ohne Zielgruppe gedacht werden. Partizipation als Prozess – Partizipation der Zielgruppe von Beginn an. Durch Teilhabe der Zielgruppe und deren Einflussnahme, wird der Identifikationsgrad wesentlich erhöht und die Drop-out Quote gesenkt, welche im Rahmen von virtuellen Projektarbeiten ein Faktum ist.
Mapping-Prozesse dienen der Gewichtung bzw. der Bewertung einzelner Arbeitsschritte.  Damit die Zielgruppe den subjektiven Sinn aus dem Angebotsportfolio ableiten kann, ist die Inklusion in der Planungsphase des Projektes besonders bedeutsam. Gewichtung und Prioritätensetzung kann im Rahmen virtueller sozialer Projektarbeiten ausschließlich in Abstimmung mit der Zielgruppe erfolgen.
Angelehnt an Theorien von Weymann und Luhmann sollen Mindestkriterien diskutiert werden, die für soziale virtuelle Projekte notwendig erscheinen.

Algorithmische Systeme in Sozialer Arbeit: Zwischen Teilhabe und Sozialer Ungleichheit
Adrian Roeske (Institut für Informationsmanagement Bremen GmbH)

Das Sammeln und Verarbeiten von Daten ist so tief in das Leben von Menschen verwoben, dass oftmals weder Ausmaß, noch die Analysen und Entscheidungen bewusst sind, welche durch Algorithmen getroffen werden. In Lebenswelten können diese in Form von (digitalen) Ungleichheiten sichtbar werden, welche sich als Diskriminierungen in Folge „(automatisierter) Datenerhebungen und -verarbeitungen“ zeigen können („Third Level Divide“). Die durch einen Algorithmus zugeschriebenen Merkmale und daraus resultierenden Entscheidungen können zu mehr oder weniger Chancen und Teilhabemöglichkeiten an Gesellschaft führen. Der Vortrag diskutiert die Virulenzen einer zunehmenden Algorithmisierung, welche durch Soziale Arbeit erkannt und reflektiert werden muss und einen interdisziplinären Austausch mit „technisch“ orientierteren Disziplinen unabdingbar macht, um die Deutungshoheit zu behalten, wenn es um die fachliche Adressierung von Lebenswelten sowie Förderung von Teilhabe statt Ungleichheiten geht.

connect-sozial.at – Plattform zum Austausch, zur gegenseitigen Unterstützung und zur Lösungsfindung auf die vielfältigen Herausforderungen für Soziale Arbeit in der Zeit der Corona-Pandemie
Michaela Moser und Florian Zahorka (FH St. Pölten)

Beschreibung folgt