Themenschwerpunkte

Kaum einem Thema wird in den wirtschafts- und sozialpolitischen Diskursen eine so große, wenn nicht existenzielle Bedeutung beigemessen, wie dem Thema Arbeit. Dies spiegelt sich wider, in den Debatten um eine „aktive Arbeitsmarktpolitik“ (Stichwort Arbeit 4.0.), die „Neue Arbeitswelt“, den Fachkräftemangel, etc. Dabei wird das Thema Arbeit aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche zunehmend an Migrationspolitiken, an Digitalisierung- und Innovationspolitik (Stichwort Arbeit 4.0) und nicht zuletzt an die Sozialpolitik (Stichwort Workfare) geknüpft. Das Thema Arbeit betrifft daher auch die Organisation der Sozialen Arbeit zentral, die sich – im staatlichen Auftrag – mit Fragen der gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung beschäftigt. Das bedeutet, dass sie auf Basis ihrer Professionsethik die Aufgabe hat, diese Entwicklungen kritisch unter die Lupe zu nehmen. Um diesen Anspruch einzulösen, stellt das Ilse Arlt Symposium 2023 das Thema Arbeit ins Zentrum der Tagung. 

Insofern kein Vermögen geerbt wurde oder anderweitig Anspruch auf Geldleistungen besteht, ist Lohnarbeit für den eigenen Lebensunterhalt essenziell. Diese Lohnarbeit ist geprägt von den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie stattfindet, welche wiederum Einfluss auf vorherrschende Arbeitsbedingungen mit sich bringen. Arbeit in all ihren Facetten, wie bezahlte (z.B. Lohnarbeit) und unbezahlte Arbeit (z.B. Freiwilligenarbeit, Fürsorgearbeit, Reproduktionsarbeit etc.), hat wesentliche Auswirkungen auf Teilhabechancen, ökonomische Ressourcen, Gesundheit, Identitäten, Lebensentwürfe und Biografien. Die formale Qualifikation spielt eine entscheidende Rolle beim Zugang zum Arbeitsmarkt und der Positionierung innerhalb einer Organisation bzw. eines Unternehmens. Dies wiederum hat einen Einfluss auf den gesellschaftlichen und ökonomischen Status respektive die Identitätsentwicklung (Enggruber/Fehlau 2018:13). 

Aktuell erleben wir gerade eine massive Inflation bei gleichzeitigem Fachkräftemangel, sowie mehrere sich zuspitzende Krisen (Klimakrise, Krieg in Europa, die andauernde Covid-19 Pandemie, aktuelle Fluchtbewegungen etc.). Diese rezenten gesellschaftspolitischen Umbrüche haben nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche und im Speziellen auch auf alle Formen von Arbeit in unserer Gesellschaft. So hat die Corona Pandemie beispielsweise die prekären Arbeitsbedingungen in sogenannten „systemerhaltenden“ Berufen wie z.B. dem Einzelhandel, bei Reinigungskräften und in Pflege- & Betreuungsberufen verdeutlicht (Foissner et al. 2021:57-59) und zu einer Verschlechterung im Bereich der Arbeitssituation und beim Einkommen unter diesen stark feminisierten Berufsgruppen beigetragen (Hövermann 2020: 13).

Welche Rolle spielt Soziale Arbeit innerhalb all dieser Gegebenheiten? 

Soziale Arbeit befindet sich in diesem Kontext mehrfach in einem Spannungsverhältnis. Ein beobachtbarer Übergang vom Wohlfahrtsstaat zum aktivierenden Sozialstaat zeigt sich in einer immer engeren Verzahnung von Erwerbsarbeit und Sozialpolitik. Beispielsweise soll Mindestsicherung/Sozialhilfe, das letzte soziale Sicherungsnetz im Sozialstaat, vorrangig als Überbrückung bis zur raschen Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt dienen und nicht als langfristiges Bezugsmodell gesehen werden (BMASGK 2018). Zurzeit werden Angebote der aktiven Arbeitsmarktpolitik gekürzt und Corona Förderprogramme laufen aus, so arbeit plus NÖ. Dies erschwert eine umfassende, ressourcenorientierte, sozialarbeiterische und sozialpädagogische Begleitung. Diese aktivierende Sozialpolitik verändert auch die Soziale Arbeit. Die Profession läuft Gefahr für die Herstellung bzw. Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse instrumentalisiert zu werden und der Aufrechterhaltung auch ungerechter Strukturen (Ausbeutung am Arbeitsmarkt, Lohndumping etc.) zuzuarbeiten (Diebäcker/Hammer 2009:16). Dieses Dilemma drückt sich vor allem im Widerspruch von Hilfe und Kontrolle, dem sogenannten doppelten Mandat der Sozialen Arbeit aus (Wendt 2015:28-29). In ihren professionsethischen Prinzipien verpflichtet sich die Soziale Arbeit allerdings dazu soziale Gerechtigkeit in den Blick zu nehmen und gesellschaftliche Veränderungen und Entwicklungen zu befördern (IFSW 2014). Deshalb soll im Rahmen dieser Tagung in einer Bestandsaufnahme beleuchtet werden, wie sich Soziale Arbeit derzeit positioniert, unter den genannten Bedingungen agiert und welche Aufträge an die Soziale Arbeit daraus resultieren. Darüber hinaus soll die rezente, gesellschaftliche Ausrichtung, die eine Zentrierung auf Erwerbsarbeit bedingt, kritisch hinterfragt werden. 

Welche Konzepte zu sozialer Absicherung kann bzw. sollte es (noch) geben? 

Welche Rolle kann/soll/muss die Soziale Arbeit in diesem Prozess einnehmen? 

Neben kritischen, reflexiven oder auch aussichtsreichen Perspektiven auf das Bestehende, soll eine Auseinandersetzung mit aktuellen Initiativen erfolgen, um daran anzuknüpfen und (neue) Wege und Alternativen weiter zu denken. Auch (un-)mögliche Veränderungen des aktuellen Systems sollen zur Diskussion stehen. In Kooperation mit arbeit plus – Soziale Unternehmen Niederösterreich sollen Angebote bestehender Initiativen, Projekte und Sozialer Unternehmen präsentiert, reflektiert und alternative Bewegungen innerhalb dieses Systems beleuchtet werden.

THEMENSCHWERPUNKTE

  • Arbeit im historischen Kontext – eine geschichtliche Einordnung derzeitiger Tendenzen 
  • Alternativen, Bewegungen und Kämpfe innerhalb rezenter gesellschaftlicher Bedingungen (Anstieg der Inflation, Fachkräftemangel, Fluchtbewegungen, Krieg etc.) – z.B.: Streikwellen, Arbeitszeitflexibilisierung, Arbeitszeitverkürzung etc.
  • Beyond Erwerbsarbeit – Utopien und Zukunftsvisionen unserer Gesellschaft – Wege zu sozialer Teilhabe
  • (Wieder-)Einstieg in die Arbeitswelt – Arbeits- & Bildungsbiografien
  • Arbeit & Armut – Working Poor, Verteilungs(un)gerechtigkeit und Soziale Arbeit
  • Reproduktionsarbeit & unbezahlte Sorgearbeit in Zusammenhang mit steigender Armutsbetroffenheit 
  • Geschlechtergerechtigkeit im Arbeitsmarktkontext – z.B.: Vereinbarkeit von Beruf & Familie, Zugänge zu Ausbildungsmöglichkeiten, Entlohnung (Stichwort: Gender Pay Gap), Förderung von geschlechtsunspezifischen Berufsbildern etc. 
  • Wechselwirkungen zwischen Gesundheit & Lohnarbeit – Arbeit im Wechselspiel zwischen gesundheitsfördernden (Ressourcen) und gesundheitseinschränkenden (Risiken) Aspekten
  • Arbeitsmarkt & Migration – z.B.: Zugang zum Arbeitsmarkt immigrierter Personen, Spracherwerb, Nostrifizierung von Ausbildungen, Arbeitsmigration & Arbeitsbedingungen etc. 
  • Soziale Arbeit in Betrieben – Welche Beiträge soll und will Soziale Arbeit hier leisten?
  • Innovative Initiativen, soziale Unternehmen & Projekte – z.B.: selbstverwaltete/selbstkontrollierte Betriebe bzw. Bestrebungen in diese Richtung 
  • Arbeit aus internationaler Perspektive – Was können wir lernen? z.B.: Einblicke in kürzere Arbeitszeitmodelle, Versuche eines bedingungslosen Grundeinkommens usw. 
  • Arbeitsbedingungen im Bereich der Sozialen Arbeit: z.B.: Bestandsaufnahme & Ideen zur Weiterentwicklung – Aktuelle Initiativen und Bestrebungen zu bspw. Arbeitszeitverkürzung, Teilzeitmodellen & Umgang mit Personalmangel, soziokratisch gesteuerten Teams/Organisationen etc.

Quellen

BMASGK (2018): Sozialstaat Österreich. Leistungen, Ausgaben und Finanzierung 2018. Wien.

Diebäcker, Marc / Hammer, Elisabeth (2009): Zur Rolle von Sozialer Arbeit im Staat. Skizzen aus regulationstheoretischer und Foucault’scher Perspektive. In: Kurswechsel 3/2009, S. 11–25 http://www.armutskonferenz.at/files/diebaecker_hammer_staat_soziale_arbeit-2009.pdf [23.8.2019]

Enggruber Ruth / Fehlau, Michael (Hrsg.) (2018): Jugendberufshilfe. Eine Einführung, Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer.

Foissner, Franziska / Glassner, Vera / Theurl, Simon (2021): Krisengewinner Patriarchat? Wie die COVID-Arbeitsmarktkrise Frauen trifft. In U. Filipič, & A. Schönauer (Hrsg.), Ein Jahr Corona: Ausblick Zukunft der Arbeit (S. 56-68). Wien: ÖGB-Verlag.
https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-72645-2 [16.11.2022]

IFSW (2014): Die IFSW/IASSW Definition der Sozialen Arbeit von 2014: https://www.ifsw.org/wp-content/uploads/2019/07/definitive-deutschsprachige-Fassung-IFSW-Definition-mit-Kommentar-1.pdf [16.11.2022]

Hövermann, Andreas (2020): Soziale Lebenslagen, soziale Ungleichheit und Corona – Auswirkungen für Erwerbstätige. Policy Brief Nr.44, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung. [16.11.2022]

Wendt, Peter-Ulrich (2015): Lehrbuch Methoden der Sozialen Arbeit, Weinheim Basel: Beltz Verlag. S. 26-30.